Durch sein vehementes und entschiedenes Eintreten für ein selbst bestimmtes und eigener Innerlichkeit Gehör verschaffendes Komponieren, gelang es ihm rasch, die kompositorischen und ästhetischen Entwicklungen nicht nur innerhalb seiner Generation, der um 1950 geborenen Komponisten, in Musik und Wort zu bündeln und persönlich dafür einzustehen. Auch Dieter Schnebel, eine Generation vor Rihm, beklagte an Neuer Musik ein Kreisen um sich selbst. Der Wunsch nach dem Ausdruck von  – gebrochener – Innerlichkeit wurde nicht nur in Rihms III. Streichquartett Im Innersten (UA 1977) manifest. Während bei Rihm eine unvermittelt dynamische Eröffnung auf ein durch As angedeutetes tonales Zentrums C-Dur hinstrebt, in dem der musikalische Impuls verebbt, verblüffte Luigi Nono die Musikwelt mit seinem an Beethoven anknüpfenden, weiträumig zart klingenden, jedoch bewusst die Fragmentform einhaltenden Streichquartett Fragmente – Stille. An Diotima (UA 1980). Gleichwie Beethoven in seinem Quartett op. 132 fordert Nono mehrfach die Interpreten auf, mit innigster Empfindung zu musizieren. Als Inspirationsquelle dienen fragmentierte Hölderlin-Gedichte.

Gemeinsam mit Hans-Jürgen von Bose stritt Rihm während der Ferienkurse 1978 wider ein statisches, als uniform empfundenes Avantgardeverständnis mitsamt seinem bis dahin geschichtsphilosophisch hergeleiteten Materialbegriff als theoretischen Überbau. Der erste Schock: Das Neue altert, setzte er pointiert seine Kritik an. Ein Jahr später formulierte er in einer Zeitungsumfrage, dass der esoterische Avantgardist der Akademiker von heute sei. Mancher politisierte Zeitgenosse witterte darin einen Verrat am avantgardistischen Innovationsgebot.

Spätestens nach 1975 stand eines jedoch unbestritten fest: Um Neue Musik wurde öffentlich und in durchaus medienwirksam – das war für die Neue Musik tatsächlich neu – diskutiert und gerungen. Auf Rihms Einfordern einer individuellen Erfahrung und vorbehaltlosen Überprüfung der Tradition wurde mit dem Verdikt gekontert, es handele sich bei seiner Musik um „l’art pour l’art“, um eine „in die „Sackgasse“ führende „Anpassung an die Bastionen bürgerlicher Musikkultur“. Fortan wurde seine Musik mit dem Etikett „Neue Einfachheit“ belegt. Unter dem Begriff Neue Einfachheit veranstaltete der WDR-Köln 1977 ein Konzert mit Werken von Eric Satie, Morton Feldman, Steve Reich, Frederic Rzewski, Hans Zender, Ulrich Stranz und Walter Zimmermann. Diese Komponisten wurden im Verlauf der Diskussion jedoch weniger unter dem Schlagwort rezipiert. Unter Neue Einfachheit verstand man vornehmlich die Werke von Wolfgang Rihm, Peter Ruzicka, Jens-Peter Ostendorf, Helmut Cromm, Manfred Trojahn, Hans-Jürgen von Bose, Detlev Müller Siemens, Wolfgang von Schweinitz, Peter Michael Hamel und Hans-Christian von Dadelsen. Gerhard R. Koch stellte schon 1977 richtig fest, dass das Schlagwort „weniger eine genaue Bezeichnung als vielmehr Ausdruck eines allgemeinen Unbehagens an der Situation der Avantgarde, ihrer Befangenheit in der eigenen, mitunter selbstzweckhaften Komplexität und ihrer sozialen Isoliertheit ist.“

Merkmale der „Neuen Einfachheit“ wurden in einem subjektiven, auf Identifikation hin angelegten musikalischen Ausdruck und in einer bei der ersten Moderne nach der Jahrhundertwende ansetzenden (von den Zeitgenossen erst später wahrgenommenen) Revision vorseriellen Komponierens festgemacht. Unter dem Etikett Neue Einfachheit avancierten Wolfgang Rihm und viele seiner Komponistenkollegen zum gefragten Medienereignis. Sie aber wollten sich nicht unter dem Schlagwort Neue Einfachheit mit anderen über einen Kamm scheren lassen und suchten ihrerseits bewusst die Öffentlichkeit, ihr jeweils eigenes Kompositionsverständnis erläuternd. Von ähnlichen Zeiterscheinungen wie denjenigen der historischen Avantgarde vor dem zweiten Weltkrieg zu sprechen, die sich ebenfalls gegen ihre unmittelbar vorhergehende Epoche – hier: der Romantik – abzugrenzen suchten, greift jedoch nicht. Hans Heinrich Eggebrecht nennt am Beispiel der Orgelbewegung drei Merkmale, die solche Strömungen kennzeichnen: (1) die Entscheidung gegen etwas, (2) die Entscheidung für etwas und (3) den normativen Anspruch (Erhebung dieser Entscheidung als Richtschnur für alle).

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Wolfgang Rihm entstammt der sogenannten Bewegung der Neuen Einfachheit. In diese Kategorie werden neben ihm selbst Hans-Jürgen von Bose, Wolfgang von Schweinitz, Detlev Müller-Siemens, Jens-Peter Ostendorf, Manfred Stahnke, Hans-Christian von Dadelsen, Manfred Trojahn und Peter-Michael Hamel eingeordnet. Der Begriff ist insofern ein interessanter und zu hinterfragender, als er maßgeblich von Journalisten und Musikwissenschaftlern geprägt und nicht von den Komponisten selbst akzeptiert wurde.

„Glossar Jetzt-Musik: Neue Einfachheit“ auf SWR2.de

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Als Professor für Komposition an der Karlsruher Hochschule für Musik ist Wolfgang RIhm prägend nicht nur für die Karlsruher Musiklandschaft, sondern auch für eine ganze Komponistengeneration. Sie finden auf unserer Seite eine Auflistung seiner Schüler sowie die Weiterleitung zu deren Homepages.

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